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Ein seltsames Wochenende ist grad verstrichen, allmählich fühle ich mich wieder normal – die Festivalbräsigkeit wird allerdings noch ein paar Tage bleiben: Von Donnerstag bis einschließlich Sonntag war ich mit Hendrik und Matthias auf der Nature One auf der Raketenbasis Pydna in der Nähe von Kastellaun in der Eifel.

Grade weil ich mich in einer völlig anderen Szene bewegte, fällt es mir nun einfacher darüber zu schreiben.

Dass ich mich auf fremdes Gebiet wage, war mir natürlich bereits im Vorfeld klar und über gewisse Dinge war ich schon vorgewarnt. Unter Anderem über die Drogenkontrolle, mit der wir in Kastellaun willkommen geheißen wurden. Der Beamte war freundlich und beließ es bei Augenkontrolle und Ausleeren der Tasche – und natürlich hat die Kontrolle nichts ergeben. Bei anderen Fahrzeugen war ich mir über negativen Befund nicht so sicher …
Die zweite Kontrollstelle hat uns freundlicherweise gleich durchgewunken, nachdem wir schallend lachend „Wir waren schon bei den Kollegen“ aus dem Auto riefen.

Am Campinggelände in die Fahrzeugschlange eingereiht, kauften wir uns das Campingticket – 20,00 € incl. 5,00 € Müllpfand pro Gast – um dann von den Sicherheitskräften kreuz und quer über die Campsite gelotst auf unsere Heim-Parzelle der kommenden 3 Nächte eingewiesen zu werden. Schon beim Aussteigen bei den Nachbarn ein Dimmu Borgir-Shirt erblickt … zum Glück also nicht der einzige Fremde dort. Auf der anderen Seite eine größere Gruppe Belgier und direkt neben uns ein Opel mit Emsländer Kennzeichen. Auf der anderen Seite der Rettungsgasse parkten mehrere VW Caddys die anfingen ihre PA-Anlage auszuräumen. Gute fünf Meter weiter wurden unter der Plane eines PKW-Anhängers auch diverse Lautsprecher und Stromerzeuger hervorgezaubert und hinter dem Zelt der Belgier vernahm man schon Chiptune in Disco-Lautstärke … wir machten uns ersteinmal eine Dose Bier auf.

Zelt aufstellen, Campingstühle, der improvisierte Tisch aus dem Kofferraum, Luftmatratze aufpumpen, Grill zusammenbauen, Nachbarn kennenlernen, die nähere Umgebung erkunden und die Dixis suchen. Abends die ersten Steaks und Würstchen auf den Grill – der nagelneue Obi-Kugelgrill (allerdings in Baustellen-Orange) aus dem Angebot stank im ersten Durchgang übelst nach Fuß …
Essen, Dosenbier, mit den Nachbarn schnacken. Für Musik mussten wir nicht sorgen, dafür sorgte die Nachbarschaft schon fleißig. Des Abends über die Campsite laufen, bei der einen oder anderen Bühne anhalten … Die Nacht von Donnerstag auf Freitag ist auf der Pydna noch nichts los – auf der Campsite umso mehr.

Aber auch wir sind nur Menschen und kletterten irgendwann in unsere Zelte – bei gefühlten 1.000 Dezibel Schalldruck hilft aber auch kein Ohropax: Der Bass dröhnt durch den Boden und die Luftmatratze sowie die Zeltwände dämpfen auch nichts. Irgendwann siegt die Müdigkeit und man fällt in einen unruhigen und wenig erholsamen Schlaf.

Wenige Stunden später: Frühstücken. Kaffee mit Mineralwasser auf dem Gaskocher kochen. Eier. Toast. Festivalfrühstück eben. Dann waschen, Zähne putzen, frische Klamotten an und gammeln. Dabei strumpelte auch der erste, total Zugedröhnte bei uns ins Camp: „Auch wenn ihr nicht so ausseht … habt ihr noch etwas Acid? Oder Weed?“ – „Nein, wir können Dir nur das Gras hier von der Wiese anbieten.“ – Der Jugendliche, nur bekleidet mit einer Jogginghose, der komplett die Kontrolle über sein Gleichgewicht verloren hatte und vermutlich nur von einem besonders aufmerksamen Schutzengel noch irgendwie auf den Füßen gehalten wurde, war so fertig, dass er ein Büschel Gras aus der Wiese rupfte, sich in den Mund steckte und darauf herumkaute. Es schmeckte ihm nicht, er spuckte es wieder aus und er zog von dannen, um andere Menschen nach Drogen zu fragen. Wir sollten ihn noch öfters sehen.

Mittags sind wir zusammen mit unseren Zeltnachbarn per Nature One Sonderbuslinie nach Kastellaun gefahren und haben die Burg Kastellaun erklettert: Endlich mal etwas Ruhe vor der Permanentbeschallung. Nachdem uns ein frisch gebackenes Brautpaar und deren Gefolge entgegenkam wurde einem bewusst, dass man wieder „zurück in der Zivilisation“ ist. Allgemein war die Burg von Ravern gut besucht. Nature One-Shirts waren zahlreich vertreten und sogar auf dem offenen Burgturm saß schon eine Gruppe, die – genau wie wir – die Ruhe in der Sonne genossen. Im Burgrestaurant wurde dann Mittag gegessen: Flammkuchen für Matthias und Hendrik, für mich zwei gegrillte Steaks in Pfefferrahm mit Kartoffelspalten und dazu Bier der Hausmarke. Äußerst Empfehlenswert und lecker.
Auf dem Rückweg zum Bus haben wir uns noch in der Stadt umgeschaut und etwas eingekauft … um Abends wieder zu grillen :)

Wieder auf der Campsite angekommen, fix die Einkäufe verstaut und dann das erste Mal den Weg zur Pydna eingeschlagen um die Tickets zu kaufen. Dies sollte die richtige Entscheidung sein, denn die Schlangen Abends vor den Schaltern waren endlos. Rückweg.

Den Einkauf grillen, Dosenbier. Zeit totschlagen. Umziehen (weil es allmählich kalt wurde) und gegen 22:00 Uhr allmählich zur Pydna aufbrechen. Dort Taschenkontrolle, Einlasskontrolle (Zweistufig!) und allgegenwärtig Zivilfahnder der Polizei im Eingangsbereich.

Das Gelände selbst ist gelinde gesagt „spektakulär“. Auf der Pydna waren in der Zeit des kalten Krieges Marschflugkörper  mit Nuklearsprengköpfen stationiert, eine ausrangierte Matador im Eingangsbereich erinnert an die Zeit. Diverse Bunker, ein Tower und alte Gebäude aus der Zeit bieten die passende Kulisse. Diverse Großzelte, Open-Air Stages und die Bunker beschallen die Besucher an jeder Ecke. Sogar Bungee-Jumping wurde angeboten (für Leute, die nackt springen, kostenlos). Während des ersten Rundgangs haben wir dann schon die ersten Schwarzvölkler kennengelernt. Die haben wir auch ein paar Stunden später vor dem Trance-Zelt „Heavens Gate“ wiedergetroffen. Ich habe mich einfach an Hendrik und Matthias gehalten, und so habe ich überall einen kleinen Einblick erhalten – auch wenn ich zwischen den einzelnen Musikrichtungen sicherlich nicht unterscheiden kann. Lediglich im Classic Tower kannte ich einige Titel wieder und konnte stellenweise den Stil der 90er Mayday-Sampler wiedererkennen. Sogar Blue Monday von New Order lief, wobei viele der Besucher zur Zeit dieses Titels sicherlich nichtmal geboren waren ;)

Die Schlafenszeit auf dem Campingplatz war erfreulicherweise wesentlich ruhiger. Mit einigen Unterbrechungen konnte man schon fast „ausschlafen“. Ein spätes Frühstück vom Grill, Kaffee, gammeln. Nachmittags mit dem Bus zum Kastellauer Hallenbad welches nicht nur von uns erstürmt wurde: Das Schwimmbad war bis zur Auslastungsgrenze mit Ravern befüllt, die Bademeister machten sich einen Spass daraus, die Besucher mit eiskaltem Wasser aus dem Wasserschlauch zu beschießen. Dazu House in Disco-Lautstärke aus einer PA-Anlage in der Schwimmhalle. Auch hier also Party … aber endlich auch etwas Abkühlung: Herrlich. Duschen: Eine Wonne.

In der Stadt lecker Pizza und kühles, gezapftes Alster beim Ortsansässigen Italiener, danach warten auf den Bus – bis der Geduldsfaden reißt: Taxi, egal.

Zurück auf der Campsite wieder entspannen, den Sonnenbrand auf den Beinen ignorieren und Antialkoholisches trinken. Umziehen und wieder der Fußmarsch zur Pydna, zweiter Teil der Party in Angriff nehmen. Da das Wetter sichtlich merkwürdig wurde, wurde schon ein geräumiger Regenschirm mit den Massen mitgetragen: Uns lief gleich ein ganzer Pavillion voraus :)

Die Party unterschied sich nicht von der am Vortag, nur dass es auf dem Gelände wesentlich voller war und es zu fortgeschrittener Stunde regnete. Die Cyberdame und den EBMer vom Vortag haben wir auch wiedergetroffen und gemeinsam mit denen im Classic-Bereich den Live-Auftritt von Ravers Nature angeschaut. Ravers Nature sagte sogar mir noch was :) Die übrige Zeit habe ich mich von den anderen leiten lassen, so habe ich viel mitbekommen.

Die Nacht auf der Campsite war glücklicherweise auch recht leise, so dass man verhältnismäßig lange schlafen konnte. Frühstück, Aufräumen und abbauen. Natürlich musste es beim Zeltabbau nochmal regnen. Mülltüten zur Sammelstelle bringen und die 5,00 € Müllpfand von den unfreundlichen Hilfskräften einkassieren. Die letzten Reste fix ins Auto gestopft und endlich den Heimweg angetreten. Etwas außerhalb des Geländes wurde dann noch jeder Fahrer von der Polizei auf Fahrtauglichkeit überprüft – in unserem Fall nur Sichtkontrolle, andere Fahrer und Fahrzeuge wurden gründlicher unter die Lupe genommen.

McDonalds und Heimweg. Es wurde auch Zeit. Dieses Festival ist wirklich anstrengend.

 

Nun … vergleicht man dieses Festival mit Metal- oder Gothic-Festivals, so sticht einem zuallererst der massive Drogenkonsum und die damit verbundenen Kontrollen ins Auge. Während bei den Schwarzvölklern höchstens die Taschen auf mitgebrachte Getränke überprüft werden und man bei den Metallern keine Glasflaschen auf das Camping-Gelände mitführen darf, stehen hier komplette Fahrzeugkontrollen mit Drogenspürhunden auf dem Programm. Allgemein beschränken sich die Metaller meist auf Alkohol und Nikotin und gelegentlich sieht man mal einen Joint. Die Schwarzvölkler benehmen sich da ähnlich, nur dass die Mengen an Alkohol noch wesentlich geringer ausfallen. Auf der Nature One wurde vielerorts maßlos gesoffen, geraucht und konsumiert, was da – und durch die Polizeikontrollen gekommen war.

Auch die Party auf der Campsite (und der damit verbundene Lautstärkepegel) ist weit über dem, was z.B. auf dem With Full Force stattfindet. Bei den Schwarzvölklern ist Nachts mitunter komplette Stille. Eigentlich findet die Nature One nur Nachts statt … und tagsüber hängt man halb-schlafend auf der Campsite herum. Grade bei den Schwattis (denen man ja Nachtaktivität nachsagt) findet das Hauptprogramm eines Festivals hauptsächlich tagsüber statt.

Mir persönlich ist aufgefallen, dass die Szenen völlig unterschiedliche Schönheitsideale verfolgt: Der Metaller mit Army-Shorts, Stiefeln und Bandshirt hat tendenziell eher lange Haare und Bart. Ein Bierbauch ist bei den Metallern keine Schande. Bei den Schwarzvölklern ist meist Schaulaufen angesagt. Die Ideale Figur oder Frisur gibt es nicht, wichtig ist, wie es verpackt und zurecht gemacht ist. Bei den Ravern scheint jedoch Fitnessstudio und Sonnenbank vielerorts zum Pflichtprogramm zu gehören: Viele schlanke, durchtrainierte Menschen und noch viel mehr präsentierte Muskeln. Leute, zieht Euch was an.

Während die Drogen wirklich negativ auffallen, muss ich positiv erwähnen, wie die Stadt und die Veranstalter mit der „Ausnahmesituation“ umgehen. Sowohl die Drogenkontrollen (weil sie leider notwendig sind), die Organisation und das Inklusivprogramm – bestehend aus Sonderbuslinie im 5-Minuten-Takt und der Party im Hallenbad – finde ich wirklich hervorragend.

 

Auch wenn ich derzeit froh bin, endlich wieder daheim zu sein – Ich denke, ich mache das nochmal. Vielleicht noch nicht nächstes Jahr, aber 2012 wird nicht meine letzte Nature One sein.

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