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16
April

Bei der allgemeinen Stöberei in den unendlichen Weiten des Internets stieß ich auf eine Seite, die lückenlos die digitalisierten Ausgaben des Simplicissimus zur Verfügung stellt. Darin findet sich (in der Ausgabe 51/1930) ein Text, im Original von Karl Kinndt, der leicht abgeändert bis heute an Aktualität nichts eingebüßt hat:

Um sich das parlamentarische Leben zu würzen,
spielt man von Zeit zu Zeit ein bißchen „Minister-Stürzen“,
weil der Kalk zu laut durch alle Arterien rieselt,
wenn es im Kabinett nicht einmal anregend kriselt.

Drum gilt es dunkle Flecken bei anderen aufzudecken:
jeder hat schließlich irgendwo Dreck am Stecken!
Schüffelnd und wühlend scheut man nicht Mühe und Geld,
bis man jemand erwischt hat und öffentlich bloßgestellt.

Dieser war unwiderleglich einmal unwürdig-maßlos besoffen,
jener wurde mit einer käuflichen Dame betroffen,
oder hat sogar – obzwar noch ehlich liiert –
mit einer Freundin jahrelang schamlos konkubiniert!

Solches benutzen dann Blätter Bildzeitung’scher Prägung
als willkommenen Grund zu hochmoral’scher Erregung.
Hei, wie die Dreckschleuder saust und die Giftspritze spritzt!
Wie das Geschoß dem Opfer klatschend im Nacken sitzt!

Das bringt Leben und Schwung in die Öde der Kabinette!
Herrliche Schlagzeilen formt sich daraus der Herr der Gazette!
Und solange noch die Bildzeitungen straflos solche Tiefschläge landen,
kommt uns die alte, echte, deutsche Moral nicht abhanden!

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