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Die schwarze Szene gibt es ja schon eine ganze Weile. In den 80ern waren die „Gothics“, wie sie gern neudeutsch genannt werden, in den Medien noch die bösen Satanisten, auch wenn sie mit Satanismus häufig nichts am Hut hatten. Gern wurde mal mit rituellen Symbolen provoziert – Pentagramm, Drudenfuß und Petruskreuz sind bis heute für viele Außenstehenden die Symbole des Bösen und werden klassischerweise bis heute mit der schwarzen Szene assoziiert, auch wenn viele, der verwendeten Symbole sogar aus der kirchlichen Umgebung stammen. Das hat früher keinen Szeneanhänger gestört und das tut es bis heute nicht – ansonsten wäre man in der falschen Szene.

Was sich über die Zeit geändert hat, ist die Vielfalt, die es mittlerweile in der Szene gibt. Wave, Synthiepop und EBM gab es schon in den 80ern, das ist die Musik, mit der ich aufwuchs. „Die 80er“ gehören auch heute auf die meisten schwarzen Parties – Depeche Mode, Camouflage und andere Bands aus der Zeit wird man häufig hören. In den 90ern entwickelte sich die elektronische Musik, Bands wie And One und VNV Nation traten auf den Plan. Sie entwickelten die musikalischen Spielarten der Bands aus den 80ern weiter und entwickelten die schwarze Szene weiter. Das ist freilich nur ein Minimalausschnitt aus dem Musikportfolio, aber es veranschaulicht, wie sich Musik entwickeln – und Musik Szene entwickeln kann.
Natürlich kamen auch völlig neue Musikrichtungen hinzu – aus dem Metal kam der Gothic-Rock mit Paradise Lost und Danzig. Allgemein pflegen die meisten Metaller und das Schwarzvolk ein gutes Verhältnis. Auch Modeeinflüsse wurden ausgetauscht.
Elemente aus dem Techno schwappten in die schwarze, elektronische Musik und umgekehrt. Der Industrial wurde weiterentwickelt und entwickelte auch seine verschiedenen Spielarten.

Das alles ließe sich hier sicherleich noch ewig weiterführen, würde aber den Rahmen sprengen.

Das war alles gut und ist bis heute alles gut. Auch wenn man mal eine Musikrichtung oder eine Band nicht mag, in den meisten Fällen haben sie sicherlich ihre Daseinsberechtigung in der Szene. Selbst die Anleihen im Hardcore und im Mittelalter-Rock mögen viele Schwarze hassen, wie der Vampir die Sonne – aber auch darüber sollte man vorsichtig urteilen.

Eine Entwicklung der letzten Jahre, ist kaummehr zu übersehen: Viele Modeerscheinungen werden unvoreingenommen einfach übernommen – egal, wie gut sie noch in die Szene passen, oder nicht. Die Cyber machten den Anfang, sie wurden mittlerweile mehr oder weniger gut zwischen den Wavern, Neoromantikern und EBMern untergebracht. Allerdings ist es zumindest für mich fragwürdig, wie gut Cosplay und Visual Kei noch in die Szene passen – und wann die zugehörige Musik mit der Brechstange in das Schwarzprogramm eingefügt wird.

Eine andere Sache ist der Steampunk. Als mich die ersten Fotos aus der damals noch jungen und engagierten Mode über das Internet erreichten, war der Steampunk noch allertiefster Untergrund. Zumindest mir war der Steampunk auf Anhieb sympathisch, er passte für meinen Geschmack zur schwarzen Szene. Als Ergänzung zu den schwarzen Neoromantikern und Wavern, kreativ und originell. Coppelius trat bei den ersten Gothicfetivals ins Rampenlicht. Dann kam der Abstieg – nicht wegen Coppelius – sondern weil der Steampunk Mainstream wurde. Die Kreativität kommt mittlerweile von der Stange und es wird versucht, dem Steampunk ein gewisses Regelwerk aufzudrücken.

So kommen die Moden und gehen wieder. Jede Mode bringt ihre Musik und ihre Anhänger mit. Aber eines haben diese Punkte gemein: Sie bringen neue Menschen in die schwarze Szene. Das ist grundsätzlich erstmal eine gute Entwicklung, anders würde die Szene irgenwann aussterben.

Aber: Zuviele (junge) neue Gesichter verändern zur Zeit zu massiv die Szene. Was dabei leider viel zu kurz kommt, ist die Mentalität, die sich die Szene über lange Zeit bewahren konnte. Die Beschäftigung mit Musik, Kultur, Mode, Geschichte, Esoterik und Philosophie interessiert viele „neu hinzugekommene“ nicht mehr. Die „Kids“ wollen anders sein und schocken. Sie flüchten sich in eine Szene, die wesentlich mehr Hintergrund hat als „krasse Musik“ und schwarze Kleidung – aber damit setzen sie sich nicht mehr auseinander. Während man grade in den 80ern schon ein wenig elitär sein musste, um „Grufti“ zu sein, wird es heute – müde lächelnd – einfach hingenommen; es ist „chic“ geworden. Die allgemeine Emo-Welle, die mit der schwarzen Szene außer gewisser Mode-Anleihen nicht viel gemein hat, und die Verkommerzialisierung in den Medien macht den Gothic salonfähig.

Fazit: „Schwarz sein“ beginnt im Kopf und nicht mit der Umstellung von Kleiderschrank und Musiksammlung. Was „Schwarz sein“ genau bedeutet, muss jeder für sich selbst klären. Aber es muss aus eigenem Antrieb heraus passieren und nicht, weil es grade „angesagt“ ist. Das ist das, was viele altgediente Szenegänger heute vermissen – so auch ich.

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