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01
September

„Eh, das is‘ voll retro, eh!“

Written by Matthias. 4 comments Posted in: Allgemein

Jedem, der sich frei in dieser Welt bewegt, wird aufgefallen sein, dass dieser Tage alles „retro“ ist. Alles, was schonmal da war, sei es Hello Kitty, die „Marlene-Hose“ für Sie oder „The Rythm Of The Night“ (welches im Original 1993 von Corona herausgebracht wurde und dieser Tage als Neuauflage von Cascada im Radio dudelt) wird wieder aus der Asservatenkammer geholt, abgestaubt, bekommt einen neuen Anstrich und wird wieder in klingelnde Münze gewandelt.

Natürlich kann soeine Neuauflage unterschiedliche Hintergründe haben. Grade in Randgruppen, die nicht so extrem den aktuellen Modeeinflüssen unterliegen, kann beispielsweise ein Remix oder ein Cover eines Titels auch eine Hommage an das Original sein. Innerhalb der Popkultur unterstelle ich hingegen Ausschlachtung wo möglich – des schnöden Mammons wegen.

Dabei fällt mir immer mehr auf: „Sagmal, fällt denen nichts Neues mehr ein?“ – In den paar Minuten am Werktag, die ich bei meiner Fahrgemeinschaft zur Arbeit Radio höre, stelle ich immer häufiger fest, dass häufig schon die vierte oder fünfte Neuauflage eines gewissen Titels aktuell sind. Besonders störend, wenn der Titel schon im Original nervig war und nun mit aalglattem Beat unterlegt wieder meine Geduld penetriert.
Das gleiche gilt für die Mode. Gnadenlos bedient man sich an den Kleidungsstilen aus den 80ern, 90ern oder wo man sonst noch meint, was „wiederauflebenswert“ wäre. Vor keiner Szene wird halt gemacht, Punk, Glamrock, Hippies … sogar das Bild des pickligen Nerds mit Hornbrille (zu meiner Jugendzeit nannte man die noch „Freaks“) wurde mittlerweile zur Modeikone erhoben und nennt man heutzutage wohl Hipster.

Dabei fällt zumindest mir eins auf: Alle wollen hip sein, individuell und sich bewusst vom Mainstream abgrenzen – dabei rennt man in seiner vermeintlichen Individualität doch wieder (wie ein Lemming) den anderen hinterher. Wäre man wirklich individuell, müsste man sich ob seiner Kleidung, seines Musikgeschmacks oder seiner Lebensgewohnheiten ja gegebenenfalls vor anderen erklären … wer will das denn schon?

Wirklich neue Stile erfinden, das ist den wenigen kreativen Menschen auf der Welt vorbehalten, die für soetwas eben das Händchen und die nötigen Ideen haben. Mich stört es auch überhaupt nicht, eine „Richtung“ gefunden zu haben, die die Welt nicht neu erfindet. Ich mag Art déco und Bauhaus, den victorianischen Stil (und auch den Steampunk) und die Architektur der Gotik, die Mode und Designs aus den USA und Europa der 50er Jahre und die Mode und Musik der 20er und 30er Jahre (letztere wird in einer wunderbaren Art und Weise bis heute vom Palastorchester mit ihrem Sänger Max Raabe gelebt). Auch verschiedene Szenen bringen schöne Modeeinflüsse mit – vom neoromantischen Schwarzvölkler bis hin zum Raver.

Was mich wirklich stört, ist das gnadenlose Ausschlachten und immer-wieder-aufkochen von Dingen, die es schlichtweg nicht wert sind. Es nerven die ach-so-individuellen Ignoranten, die den vielleicht wirklich individuellen Kleidungsstil ihrer Mitmenschen dann aber nicht tolerieren wollen und die obendrein die kulturellen Hintergründe ihrer eigenen feschen Retroklamotten nicht kennen (siehe: Palituch).

So erwarte ich mit stoischer Geduld, dass die ekelhaften Diddl-Mäuse wieder reaktiviert werden (vermutlich so in 10 Jahren), Nena im Rollstuhl ihre NDW-Hits aus den 80ern zum dritten, vierten und fünften Mal wieder versilbert und die widerlichen Karottenhosen aus den 80ern wieder Mode werden … achne, die gibts ja schon wieder ;)

4 Responses

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  1. Frau von Schwarzhagen

    Lieber Matthias,

    du schreibst mir hier gnadenlos aus der Seele. Deine Ansichten teile ich ausnahmslos, musste ich mich doch in diversesten Lebenslagen selbst schon darüber ärgern.

    Seit Jahren werden permanent irgendwelche Modestile von früher neu aufgetischt, nichts Neues kommt mehr auf den Markt.

    Das, was mit der Musik geschieht, ist die Krönung:
    Da trällert ein kleines dummes Blondchen, in einem Getreidefeld am Klavier sitzend, romantisch „Nothing else matters“ oder Maroon 5 quält sich mit „Moves like Jagger“ ab in der Hoffnung, durch Jaggers Kultstatus irgendwie bei der Jugend zu Punkten.
    Achja – unverständliche Phrasen gepaart mit einem nervigen Beat, zwischendurch ein „Barbara Strisand“ scheint offenbar ebenfalls ziemlich gut anzukommen. Meinen Arbeitskollegen könnte ich für SEINEN Ohrwurm heute noch umbringen.
    Wer erinnert sich noch an Sinatras volltönende Stimme, voller Emotionen, zu seinem Song „My Way“ und die darauf garantiert folgende Gänsehaut? Man stelle sich diesen Song nun also neu aufgenommen durch eine weibliche Stimme einige Oktaven höher vor … uah.

    Das Schlimme an der Sache ist ja, dass man dem kaum aus dem Weg gehen kann. Da dudeln Radios mit entsprechender Musik in den Büros der Kollegen, in der Werkstatt um die Ecke, durchs Telefon bei geschäftlichen Gesprächen im Hintergrund, ja selbst im Supermarkt kann man nicht in Ruhe einkaufen, ohne durch irgendwelche konsumgerechten Titel beschallt zu werden. Nicht, dass einkaufen sowieso schon stressig ist (für mich jedenfalls), aber DAS macht es meistens noch schlimmer.

    Egal ob „Mode“ oder „Musik“ Ich finde bei dem, was gerade „hip“ ist, null Kreativität, die sich doch all die Modedesigner und andere Künstler aller Richtungen und Sparten so auf die Flagge geschrieben haben.

    Natürlich gibt es ein paar Dinge, die ich gerne mag. Musik und Mode der 50ger, 60ger und 70ger faszinieren mich, und auch einiges, was heute gerade aktuell ist, finde ich persönlich ziemlich schön.
    Leider kann ich das Meiste, was in den normalen und allgegenwärtigen Läden angeboten wird, nicht tragen, da mir Kleidergröße S bzw. XS nicht passt und schlichtweg auch nie wieder passen wird ^^. Ähnliches gilt auch für die Schuh-Industrie. Die Mustergröße für Damen liegt bei 37 und ist reichlich in diversesten Ausführungen vorhanden. Randgrößen ab 41 sind, wenn überhaupt im Sortiment, nur spärrlich auf Lager und bereits zu beginn der jeweiligen Saison vergriffen.

    Egal um was es sich handelt – es wird nur für die breite Masse produziert. Randgruppen sind nicht lukrativ genug. Dennoch bin ich der Meinung, dass mit ein bisschen Know-How auch diese mit Profit zu bedienen wären. Dafür müsste man sich allerdings etwas tiefer mit der Materie beschäftigen, aber über den Tellerrand hinauszuschauen ist halt nicht Jedermanns Sache.

    1. September 2012 at 17:59
    Antworten
  2. Anneke

    Auch ich stimme euch beiden besonders in Punkto Musik zu.
    Doch was mich dazu wirklich ärgert und auch ein bisschen traurig macht, ist das es den Menschen nicht bewusst ist. Dass sie einfach nicht einmal wissen, dass es sich bei „The unforgiven“ um ein Cover von Metallica handelt…

    „Natürlich kann soeine Neuauflage unterschiedliche Hintergründe haben. Grade in Randgruppen, die nicht so extrem den aktuellen Modeeinflüssen unterliegen, kann beispielsweise ein Remix oder ein Cover eines Titels auch eine Hommage an das Original sein.“

    -> Was genau passiert denn da anderes als genau das? Es wird eine Techno/House/ (Keine Ahnung was das dann genau ist) Cover oder Remix erstellt und ein großer Teil der Gesellschaft nimmt das nimmt diese Musik an. Ist also eher eine Pauschalisierung der Technoszene das Problem? Die ja angeblich schonmal existiert hat, auch wenn das vor meiner Zeit war und ich selbst nur die aktuelle Situation sehe, dass „alle“ solche Musik hören.

    17. September 2012 at 23:59
    Antworten
    • Matthias

      Ich persönlich finde, dass man Coverversionen auch durchaus positiv bewerten kann. Um bei dem Beispiel Metallica zu bleiben wäre dort „The Ecstacy Of Gold“ zu nennen (Seit Jahren Eröffnung der Konzerte und Intro des S&M-Albums), welches im Original Filmmusik – komponiert von Ennio Morricone – zu dem Film „Zwei Glorreiche Halunken“ ist. Dabei bezweifele ich, dass es aus finanziellem Nutzen auf die CD gebracht wurde, denn dazu ist trotz der Popularität Metallicas der Einzugsbereich noch zu klein.
      Auch die Coverversionen des Titels „Summer Wine“ (im Original von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood) von den Corrs/Bono (U2) und Ville Valo/Natalia Avelon würde ich unterschiedlich bewerten.
      Sicherlich sind die Grenzen fließend und jeder würde besagte Grenzen anders abstecken (schon allein aus persönlichen Präferenzen). Aber man schaue sich allein in der schwarzen Szene um – mir fiele keine Coverversion ein, die auf kommerziellen Erfolg ausgelegt war bzw. ist.

      18. September 2012 at 12:43
      Antworten
  3. Frau von Schwarzhagen

    Um auf Annekes Anmerkungen Bezug zu nehmen – ich glaube dass da ein existentieller Unterschied besteht. Entweder schreibe ich eine Hommage, weil mir die Schöpfer des Werkes auf eine bestimmte Art und Weise etwas bedeuten, oder ich greife das Werk anderer auf um selber daraus Kapital zu schlagen. Der Gedanke dahinter ist prinzipiell entscheidend. Doch wer macht sich heutzutage noch die Mühe, diese Dinge zu recherchieren? Wer kauft sich heute noch Musikmagazine wie Rolling Stone, Zillo, Metal Hammer und dergleichen, um das neue Interview mit Band XY zu lesen? Das Internet regiert die Welt, *ironie on* und was Facebook sagt, stimmt auch *ironie off* Wer macht sich heute noch die Mühe, Hintergründe zu neuen Musikstücken recherchieren, wenn es nicht gerade die eigene Lieblingsband ist? Wie viele Musikstücke in den aktuellen Charts haben überhaupt einen Hintergrund?
    Anders gefragt: Wer macht sich heute noch die Mühe, etwas kunstvoll Neues zu produzieren, wenn doch andere schon wunderbaren Stoff geliefert haben, den ich einfach nur anders einfärben muss?
    Dass in der schwarzen Szene kaum bis gar kein Cover auf kommerzieller Ebene herausgebracht wird, ist mir selber auch schon aufgefallen, und genau das finde ich persönlich wieder sehr fürsprechend. Ich mag das Gefühl, wenn Musik einen Sinn vermitteln kann, eine Geschichte erzählt oder einfach bestimmte Themen anschneidet.

    18. September 2012 at 15:10
    Antworten

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