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20
Dezember

Weihnachten

Written by Matthias. No comments Posted in: Allgemein

Von vielen Seiten höre ich, ich wäre ein Grinch – dabei weiß ich erst durch Wikipedia, was das überhaupt ist. Es ist Dezember, genauer gesagt der 20.12.2012 – ein Tag vor’m Weltuntergang. Von allen Seiten – besonders auf Facebook – wird man von lächerlich-witzigen Weltungergangsbildern oder mit einer über’s Knie gebrochenen Weihnachtsfröhlichkeit beschossen. Immerhin ist die Weihnachtsdeko bei meinen Eltern, die große Geschenketombola, die Weihnachtsfeier und der Flurfunk in der Firma sowie das Internet meine einzige Kontaktfläche mit dem deutschen Weihnachtswahn. Radio höre ich schon seit Jahren nicht mehr, selbst im Auto hat TMC mittlerweile den zwischenzeitlich eingeblendeten Verkehrsfunk abgelöst, an dessen Anfang und Ende man entweder noch ein auslaufendes Musikstück oder die übliche Larifari-Moderation von gezwungen witzigen Radiosprechern hört. Mein Satellitenreceiver ist seit Jahren defekt und wird aus Prinzip nicht ersetzt, also fällt das Medium „Glotze“ auch aus. Selbst das auf zwanzigmal recyceltem Bolivianischem Urwald gedruckte Hetzblatt unserer Gegend hier lese ich nicht.

Trotzallem habe ich bereits einmal den Hass eines jeden kulturfähigen Individuums durch meine Ohren plärren lassen müssen: Wham – Last Christmas. Da jault eine – damals noch schlanke – Schmalzlocke im 80er-Outfit eine Liebesgeschichte im Weihnachtskontext an „die einzig Wahre“ und bekennt sich Jahre später als stockschwul.

Eine einzige Werbepause auf dem hochmodernen TFT-Fernseher meiner Eltern hat gereicht, meine Entscheidung „doch keinen neuen Receiver zu kaufen“ zu bestätigen. Da wurde „Santa Claus“, „Santa Claus 2“ und gleich noch „Santa Claus 3“ (allesamt mit Tim Allen) angekündigt … hätte einer nicht gereicht? Alle mir bekannten, mehr oder minder vollständig gesehenen Weihnachtsfilme lösen – dank der in Coca Cola-Rotweiß, Gold und Fichtengrün gehaltenen Farben – ein Gefühl in mir aus, vergleichbar mit Süßigkeiten, die so ekelhaft süß sind, dass einem davon die Zähne schmerzen.

Bei dem Durchqueren dessen, was in meinem Heimatkaff „Innenstadt“ genannt wird, kratzen krüpplige, hastig geschmückte Tannen an dem Lack meines Autos. Menschen eilen von Geschäft zu Geschäft und machen das, was ihnen von den Medien suggeriert wird: Kauft teure Geschenke um zu zeigen, wie lieb ihr Eure Mitmenschen habt. Am Wochenende verstopfen genau diese Menschen unser penetrant verspätetes Schienenverkehrsnetz um sich in größeren Städten dem Alkohol zu widmen – im eigenen Heimatkaff erledigt man dies ja nach den Weihnachtseinkäufen auch schon auf dem schäbigen Kleinstweihnachtsmarkt mit Glühweinstand, Pommesbude, Krippe und Harlemtonne in der Woche.

Morgen ist der letzte Arbeitstag für mich dieses Jahr. Einen Arbeitseinsatz werde ich zwischen den Feiertagen noch von zuhause aus erledigen, aber morgen Mittag um Zwölf schiebe ich für dieses Jahr meinen Schreibtischstuhl in der Firma das letzte Mal unter den Schreibtisch und dort wird er die kommenden drei Wochen auch bleiben. Morgen Nachmittag ist Firmenweihnachtsfeier, und ich muss gestehen, dass ich mich darauf sogar freue. Essen, trinken, den jahresabschließenden Worten unseres Chefs zuhören und mit den Kollegen auch mal über mehr als nur dienstliches reden.

Dennoch ist mir nicht weihnachtlich zumute. Ehrlich gesagt empfinde ich nicht aus dienstlicher Sicht (und den damit verbundenen Jahresplanungen, Inventuren und Feiertags-Vertretungsplänen) den Dezember als DEN widerlich stressigsten Monat überhaupt. Schlimmer empfinde ich es, dass man von vielen Seiten unfreiwillig in Beschlag genommen wird und mehr oder minder gezwungenermaßen am Weihnachtstrubel teilnehmen muss. Jeder Verein muss noch seine Weihnachtsfeier „mit dem Nikolaus für die Kleinen“ feiern, wo sich Vati später an der Theke eben doch die Rübe dichtschüttet, die entferntere Verwandtschaft besinnt sich auf einmal, dass es einen noch gibt und selbst ein paar Menschen aus meinem Freundeskreis versuchen mich leidlich irgendwie von dieser ganzen Weihnachtsgeschichte zu überzeugen.

Ab morgen mache ich aber Weihnachten. Auf meine ganz eigene Art und Weise.

Nicht, dass dies irgendwas mit dem Fest als solches zu tun hätte, aber irgendwie glaube ich, ich fülle den Sinn eben dieses Festes doch recht gut aus. Ich werde mich ausruhen, es mal „etwas langsamer angehen lassen“ und mich um mich selbst kümmern. Gestern habe ich mir bei Amazon noch ein wenig trashige Science-Fiction-Literatur bestellt, ein paar Bücher liegen in unterschiedlich weit gelesenem Zustand noch in meiner Wohnung herum, diverse Kleinbildfilme zum Fotografieren liegen im Flur, nächste Woche Donnerstag geht es mit Michi und meiner Mutter auf das Deine Lakaien-Konzert nach Bochum und mit S. habe ich schon einige Abende zum Feiern verplant.

Weihnachten, so habe ich über die vergangenen Jahre für mich herausgefunden, bedeutet nicht Tim Allen im Fernsehen und ein fetter, weißbärtiger Mann mit Coca-Colafarbenem Bademantel; Weihnachten bedeutet für mich „zur Ruhe kommen“. Das größte Geschenk, was ich mir dieser Tage machen werde ist, dass ich mich um mich selbst kümmern werde – lesen, feiern, fotografieren, ausruhen – zu mir selbst zurückfinden: Advent heißt Ankunft – und ich habe meine eigene Definition dafür gefunden.

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