Anmelden

Nach einigen Monaten habe ich mich am gestrigen Freitag seit langem wieder dazu durchringen können, in den Lautraum zu fahren, der früher mal meine Stammdisco war: Der Hyde Park in Osnabrück. Bereits im Vorfeld graute mir vor dem Bild, was sich mir dort bieten wird – Live-Sozialkino, wie es im TV wohl nicht besser laufen könnte. Aber die Termine zum Tanzen sind knapp: Das X macht zu (für die alljährliche Sommerpause), zum Ringlokschuppen in Bielefeld ist’s eine elende Fahrerei, das Tivoli in Bremen bietet zur Rabenschwarzen Nacht eine eher ungemütliche Umgebung und die Läden im Pott und Umgebung sind zwar immer eine Reise wert, aber eben auch nix für jedes Wochenende. Lediglich der schwarze Sonntag im Noize Club in Vechta (eigentlich ein Laden, der eher für die Raver und Hopper Ziel sein sollte) hält sich wacker am zweiten Sonntag im Monat.

Fast allen Läden gemein ist das Publikum, welches dort verkehrt: Nicht, dass man dort auf den schwarzen Veranstaltungen einfach nur einen gewaltigen Haufen Schwarzvolk in allen seinen Facetten sehen kann, nein – es verkehren wirklich die gleichen Leute dort. Die (neudeutsch) Gothics im Nordwesten, speziell im Dunstkreis um Osnabrück, sind wie eine große Familie und man trifft in den erwähnten Diskotheken immer wieder die gleichen Gesichter – von Bochum bis Hamburg.

Ebenfalls vergleichbar ist in diesen Clubs die Musik, die dort gespielt wird, da (dank Onkel Ottos Erfindung) die DJs ebenso mobil wie die Gäste sind. So bildet sich auf allen Parties dieser Art ein Standardprogramm aus „Mädchenelectro“, Aggrotech, 80ern, EBM, Synthiepop, Hardcore, Mittelalter-Rock und anderen gängigen Spielarten der Szene aus. Seltener zu hören bekommt man Wave, Industrial und andere Richtungen, die aktuell bei den Kids nicht so hoch im Kurs sind. Auch wiederholen sich die Titel, da (dank der begrenzten Musikkenntnisse der Kids) die Musikwünsche auch immer die Gleichen sind. So tanzt man jeden Abend zum selben Einheitsbrei – und man tanzt, denn man bekommt ja eh nichts Besseres geboten.

Einen Vorwurf kann man den Discjockeys freilich nicht für ihr Programm machen: Sie sollen die Tanzfläche voll und die Party lange am Leben halten. Auch kann sich vermutlich kein DJ mit wirklich jeder Musikrichtung, die in den Schmelztigel „Schwarze Szene“ geworfen wurde, auseinandersetzen und jeden einzelnen Titel kennen. Persönliche Präferenzen erledigen den Rest.

Die schwarze Szene hat eine weitere Eigenschaft, die ich sonst nirgends gefunden habe: [Ironie] Die Toleranz [/Ironie]. Zwar wird bereitwillig alles an Modeströmen aufgenommen, was irgendwie mit dem Oberbegriff „Schwarz“ vereinbar zu sein scheint, allerdings wird genauso eifrig darüber gelästert. Die Altgruftis über die Kids, die EBMer über die Waver und die Indiustrial-Fraktion über die Mittelalter-Rocker. Weitere Beispiele werden szenenahen Personen schnell einfallen, daher werde ich mir weitere Beispiele verkneifen. Außer einem: Alle lästern über die Cyber (und den meisten Cyber unterstelle ich an dieser Stelle, dass sie nicht verstehen, warum).

Auch finden sich in den Diskotheken mit höherem Altersdurchschnitt (wozu der Hyde Park allerdings nicht gehört) viele Personen, die eigentlich mit der schwarzen Szene aus musikalischer Sicht auf den ersten Blick garnichts zu tun haben: Cross-Dresser und Fetisch-Menschen seien als Beispiel genannt. Auch ihnen wird mehr oder minder bereitwillig eine recht geschlossene Plattform gegeben, um sich auszudrücken. Mit allen Konsequenzen und Lästereien, die das so mit sich bringt.

So findet sich mehr oder minder regelmäßig ein schwarzbunt gemischter Haufen an Menschen zusammen, um zu den immer gleichen Titeln zu tanzen, um immer über die gleichen Menschen zu lästern und sich zu ärgern, warum man nicht einfach mit dem Arsch zuhause geblieben ist.

Um wieder den roten Faden vom Anfang aufzunehmen: Der Hyde Park ist dennoch unter allen schwarzen Diskotheken ein Sonderfall, da dort die Alterskontrolle besonders nachlässig gehandhabt wurde und wird. Zwar gibt es nach einigen Polizeikontrollen in der Vergangenheit nun online ein Formular, welches die Kids ausgedruckt und von Mama und/oder Papa unterschrieben am Eingang abgeben müssen, aber der gestrigen Erfahrung nach interessiert das mittlerweile niemanden mehr. Auch ist der kurze Weg zum Parkplatz (und damit zum Auto) für viele jüngere Gäste der einfache Weg, eine Menge Geld zu sparen, da man sich das Bier einfach mitbringt und am Auto trinkt. Dadurch resultiert, dass der Großteil der Veranstaltung garnicht in der Diskothek selbst, sondern draußen auf dem Parkplatz abgehalten wird. Seit der Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes in Deutschland darf aus praktischen Gründen im Hyde Park nur in der Cocktailbar (in der man demzufolge die Luft mit der Kettensäge in Würfel schneiden kann) und draußen geraucht werden, wodurch dann noch ein weiterer Grund für die „Party auf dem Park-Platz“ (haha … Wortspiel O.o ) gegeben ist. Der letzte (und vor allem für die Nichtraucher vermutlich wichtigste) Grund ist, dass es im Hyde Park saunamäßig warm wird, sogar im Winter. In keiner anderen Diskotek, die ich kenne, stehen derart viele Menschen draußen, nur weil sie abkühlen wollen.

Diese Park-Platz-Party (wieder das Wortspiel …) bietet allerdings den Vorteil, daß man sich halbwegs vernünftig mit anderen Menschen unterhalten kann. Was freilich von vielen für die übliche Lästerei mißbraucht wird ;)

So bietet sich für den Hyde Park-Besucher jedes Mal ein Bild von meist sehr jungen Gästen, Grüppchenbildung, gegenseitiger Mißgunst, der immer gleichen Musik und Menschen, die man eigentlich garnicht sehen möchte, weil sie (zumindest nach meiner Vorstellung) den Rollen des RTL2-Nachmittagsprogramms im realen Leben sehr Nahe kommen.

Ich jedenfalls bin mal gespannt, wann es mich wieder in den Hyde Park treibt – und sei es nur, um ich wieder darüber zu ärgern.

2 Responses

Stay in touch with the conversation, subscribe to the RSS feed for comments on this post.

  1. Anneke

    So schlimm kann es ja nicht gewesen sein, dass du schon wieder da warst…

    17. September 2012 at 23:15
    Antworten
  2. Matthias

    Und meine Stimmung fiel ins Bodenlose …

    18. September 2012 at 12:46
    Antworten

Some HTML is OK

or, reply to this post via trackback.